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Meine Bildergalerie aktualisiere ich stetig mit neuen Bildern aus meinem Läuferleben.

 

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Lavaredo Ultra trail

Gipfelstürmertour Part 3

oder

Woran hat es den nun gelegen, Junge ?

Ja, wenn ich das wüsste. Hatte ich zu wenig geschlafen? War es einfach zu heiß?

Hatte ich die Strecke unterschätzt? War ich zu schnell angegangen? Hatte ich zu wenig gegessen? Oder hatte ich einfach mal einen gebrauchten Tag erwischt?

Doch wie immer schön der Reihe nach.

 

Den Lavaredo Ultra Trail in Cortina d`Ampezzo mit seinen 120 Kilometern und 5800 Höhenmetern hatte ich mir als Generalprobe für den Leadville 100 ausgesucht.

Und wie das so ist, war ich mit den Gedanken schon in den Rockys und wollte diesen

120er im Vorbeigehen mitnehmen. Und genau das, wird wohl der Fehler gewesen sein.

Der mangelnde Respekt vor der vermeintlich leichten Aufgabe.

Und diese leichte Aufgabe begann schon mal mit einer gigantisch langen Autofahrt ins

720 Kilometer entfernte Cortina. So kam ich Donnerstag, am späten Nachmittag, an.

Schnell noch im Hotel eingecheckt, Startnummer abgeholt und dann Dolce Vita mit Pizza und Bier. Die Nachtruhe war auch relativ schnell gefunden, aber dann …

5:00 Uhr war die Nacht zu Ende und es gab keinen Weg, den so wichtigen Schlaf fortzusetzen. Als ich dann noch auf dem Stuhl neben mir, meine sorgsam zurecht gelegte Rüstung entdeckte, war ich wieder on fire und die Nacht war komplett im Eimer.

Am Vormittag lenkte ich mich noch beim Minigolf ab, bevor ich nachmittags wieder versuchte, etwas Schlaf nachzuholen. Aber dann blieb mein Blick wieder an dem besagten Stuhl hängen und das mit dem Schlaf hatte sich endgültig erledigt.

Nach der Pastaparty hieß es dann wieder warten und 21:30 Uhr war es dann soweit.

Ich legte langsam meine Rüstung an und ganz zum Schluss kam die Startnummer dran.

Spätestens jetzt sollte ich wieder zur Bestie werden, doch die holte einfach ihren Schlaf nach und wollte einfach nicht erwachen. So machte ich mich mit gesenkten Kopf auf den Weg zum Marktplatz und redete mir ein: „Es sind ja nur 120 KM. Du hast ja schon ganz andere Sachen gemeistert.“ Der Marktplatz war schon mehr als gut gefüllt, als ich die Arena betrat. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich ziemlich weit hinten einzureihen.

Dann hieß es wieder warten. Doch bei diesem Anblick war wieder einmal Gänsehaut-Feeling angesagt. Und 23:00 Uhr war es dann soweit. Unter dem donnernten Applaus der vielen Zuschauer wurde der Lavaredo Ultra Trail 2019 gestartet und die Meute setzte sich langsam in Bewegung. Die ersten zwei Kilometer führten noch über Asphalt zum Ortsrand

von Cortina und bei angenehmen Abendtemperaturen ließ es sich ganz locker laufen.

Zumindest für die anderen. Ich merkte schon nach dem ersten Kilometer, dass ich kein Zugriff zum Rennen bekam. Nach etwas mehr als einer Stunde, hatte ich auch schon den ersten Berg mit seinen 700 HM bezwungen. Aber am liebsten hätte ich mich irgendwo hingesetzt und geschlafen. Ich kam mir vor, wie zur falschen Zeit, am falschen Ort. Doch jetzt schon einen auf Diva machen, war auch nicht mein Ding. Also ging es weiter durch die Nacht und genau an diese, auch wenn es nur 5 Stunden Dunkelheit waren, kann ich mich nur noch wage erinnern. Irgendwann muss ich in eine Art Dämmerzustand gefallen sein, da Müdigkeit und Belastung scheinbar zu groß waren. Den ersten VP nach 18 KM in Ospitale habe ich noch ganz gut wahrgenommen, danach wurde es langsam dunkel in meinem Kopf. Anhand meiner Aufzeichnungen, war nach 25 Kilometern auch der zweite große Anstieg geschafft und das nach 3:20 Stunden. Nach dem 2. VP, der von meiner Festplatte komplett gelöscht wurde, folgte der dritte große Anstieg auf 2445 Meter Höhe und damit zum höchsten Punkt der Strecke.

Dieser eine Augenblick
Der Morgen ist erwacht
Auf den Weg zu den Drei Zinnen
Schnee gab es noch reichlich
Drei Zinnen
Drei Zinnen

Auf dem Weg dort hin, hatte der Tag schon über die Nacht gesiegt und auch bei mir verschwand erst einmal der geistige Dämmerzustand, als ich diesen Sonnenaufgang im Hochgebirge erleben durfte. Und genau für solche, auch noch so winzigen Augenblicke, hatten sich die Monate harten Trainings gelohnt. Und es wurde noch besser, als ich nach 7 Stunden die Drei Zinnen erreichte. Jetzt strahlte ich übers ganze Gesicht und obwohl schon jeder Schritt verdammt weh tat. Die Glückshormone machten meinen Körper komplett schmerzfrei.

Nach dem obligatorischen Fotostopp erreichte ich weitere 30 Minuten später den Gipfel und danach folgte ein schöner langer Downhill, um wieder Kräfte zu sammeln.

Das hatte ich auch bitter nötig, da die angebotene Nahrung an den Verpflegungspunkten, mein Kaloriendefizit nicht ausgleichen konnte. Ein paar Kekse, etwas Wurst, Bananen und Äpfel, Trockenobst, Nüsse und natürlich Zwieback.

Zwieback mit Nutella, Zwieback mit Marmelade und Zwieback mit Pflaumenmus! Das waren die Highlights an jedem VP. Und der nächste Verpflegungspunkt war in Cimabanche, nach 67 Kilometern, eingerichtet. Doch 5 Kilometer vorher galt es noch einen Gebirgsbach durch zu waten. Nach anfänglichen Überlegungen, vielleicht ohne nasse Füße durch zu kommen, begrub ich diese schnell und machte mich durch das fast knietiefe Wasser (knietief bei mir). Das konnte ich locker verschmerzen, denn in Cimabanche wartete nicht nur leckerer Zwieback auf mich, sondern auch trockene Socken und Schuhe. Als ich nach 9:20 Stunden dort eintraf, war das Zelt schon ganz gut gefüllt und die steigenden Temperaturen draußen, verliehen dem Zeltinneren einen ganz eigenen Duft. Nach Rosen oder Bergfrühling hat es jedenfalls nicht gerochen, so viel kann ich schon mal verraten. Meine Schuhe waren dann schnell gewechselt, die Rüstung wurde nochmal glatt gestrichen und schon sah ich aus wie neu. Zur Abwechslung hatte ich mir mal einen Teller Suppe gegönnt, doch der obligatorische Zwieback (mit Nutella) und ein paar Apfelstücke mussten mit auf den Weg. Jetzt kam für mich die Königsdisziplin.

Schon leicht dehydriert, bei inzwischen 30 Grad, startete ich den unglaublichen Versuch, meinen so heiß geliebten Zwieback zu verzehren. Ich kann euch sagen, der Versuch scheiterte kläglich und der Zwieback und ich gingen ab Kilometer 67 getrennte Wege.

Nachdem die Königsdisziplin gescheitert war, wartete auf den nächsten Kilometern der Supergau auf mich. 20 Kilometer bis zur nächsten Verpflegungsstation, 1300 Höhenmeter

lagen dazwischen, Temperaturen um die 30 Grad, kaum Schatten und nur einen Liter Wasser im Rucksack. Zum Glück lagen auf diesem Abschnitt viele Bäche, die einen totalen Blackout verhinderten. Ich glaube so viel Wasser, wie am 29.06.2019, habe ich noch nie an nur einem Tag getrunken. Mir war, als würde ich innerlich verbrennen. Doch das größere Problem war für mich die Höhe. Ich hatte jetzt schon die 2000er Grenze überschritten und bekam nicht genügend Luft. So etwas kannte ich bis dato überhaupt nicht und es machte mir Angst, gerade in Hinblick auf den Leadville 100. Mir war, als würde jemand auf meinem Brustkorb stehen und der fehlende Sauerstoff machte sich mit aller Kraft bemerkbar. Ich war am Ende! Ich kam überhaupt nicht mehr vorwärts, wurde ständig überholt, in meinem Kopf drehte sich alles, aber ich wusste noch meinen Geburtstag und den meiner Frau und den meiner Kinder. Und genau das, machte mir Hoffnung. Hoffnung, dass es noch nicht so schlimm sein konnte.

Im Hochgebirge
Es geht weiter bergauf
Blick zurück, zur Verpflegungsstelle
Im Hochgebirge
Die 4. Bachquerung
Nochmal Schnee

Zwischendurch legte ich sogar Schnee unter meine Kappe, den gab es hier noch reichlich, um wenigstens dieses geile Hochgebirge genießen zu können. Als ich nach 15:30 Stunden endlich die Verpflegungsstation am Col Gallina erreichte, war ich so fertig, dass ich am liebsten an Ort und Stelle das Ganze beendet hätte. Doch dann kam mir dieser enorme Aufwand in den Sinn, den ich betrieben hatte, um genau an dieser Stelle zu sein. Die vielen Freunde zu Hause, die wieder mitfieberten, ja genau ihr. Euch wollte ich nicht enttäuschen und mit einen DNF in der Tasche nach Hause fahren. So fasste ich den Entschluss: AUFGEBEN IST KEINE OPTION !

Noch 24 Kilometer bis zum Ziel, davon führten die letzten 10 Kilometer nur bergab, das müsste machbar sein. Aber es warteten noch 4 giftige Anstiege auf mich und jeder einzelne glänzte mit 200 bis 300 Höhenmetern. Also taumelte ich von Gipfel zu Gipfel, dem Ziel Meter für Meter ein Stück näher. Die Sonne strahlte noch immer vom fast wolkenlosen Himmel als ich nach 19:00 Stunden den letzten Verpflegungspunkt erreichte. Hier stärkte ich mich ein letztes mal und gönnte mir zur Abwechslung mal Kartoffeln mit Salz. Ob es an den Kartoffeln lag oder an den Gedanken daran, dass es nur noch 10 Kilometer bis Cortina waren, nach über 19 Stunden im Tiefschlaf erwachte doch tatsächlich noch die Bestie in mir.

Vor ein paar Stunden stand ich noch kurz vor dem Knock Out und jetzt war ich wieder in der Lage, richtig zu rennen. Und wie ich das tat, die restlichen Kilometer vergingen wie im Flug und ich konnte noch einige Leidensgenossen überholen, bis ich dann vor dem erlösenden Schild stand. „Last Kilometer“ war darauf zu lesen und jetzt konnte ich endlich wieder jeden einzelnen Meter davon genießen. Die entgegenkommenden Autos begrüßten mich mit einem Hupkonzert, die Leute auf der Straße feuerten mich mit einem kräftigen „Forza, Forza“ an und jetzt........ schwitzten sogar die Augen.

Die Cafés und Restaurants an der langen Zielgeraden waren bestens gefüllt und Kinder standen Spalier um jeden Einzelnen dieser „Helden“ abzuklatschen.

Dem Ziel entgegen
In der Mittagshitze
Geschafft !!!
Die Ziellinie

Ich hätte am liebsten jeden Einzelnen umarmt, so glücklich war ich nach 20 Stunden und 12 Minuten doch noch auf der Ziellinie zu stehen. Ich weiß gar nicht, ob Glückshormone auf der Dopingliste stehen! Wenn doch, ich wäre gnadenlos durchgefallen, so vollgepumpt war ich. Nach einem kurzen Fotoshooting bekam ich dann meine wohlverdiente Finisher

Jacke überreicht. So hatte am Ende wieder der Gute gewonnen und sollte es mal nicht so sein, war es noch nicht das Ende.

In diesem Sinne, Leadville ich komme.

 

P.S.: Wenn ihr auf die Bilder klickt, werden sie groß.

 

Ergebnisse:https://ultratrail.it/en/

 

                                                                                          Taucha, den 04.07.2019

 

 

 

47. Rennsteiglauf - Supermarathon -

Gipfelstürmertour Part 2

Diesen Weg auf den Höhen bin ich oft gegangen,....

So sang es jedenfalls Herbert Roth. Wie oft ich diesen Weg schon gegangen bzw. gelaufen bin, kann ich gar nicht so genau sagen. Ich weiß nur, in diesem Jahr wird er mir ganz besonders in Erinnerung bleiben, genau wie „damals“. Um genau zu sein 2012, als ich das erste Mal in die Welt des Ultralaufs eingetaucht bin und vieles war genau wie damals. Das Mutterschiff war wieder dabei und ebenso die dazu gehörige schlaflose Nacht. Die Besatzung war die gleiche sowie die Rundumversorgung. Die Streckenlänge stimmte auch fast mit der von 2012 überein. Und doch hatte sich einiges geändert.

Der Schwarze Ritter hat seine Rüstung gegen ein neues Gewand eingetauscht.

Die eine oder andere kleine Falte ist dazu gekommen. Das Fell bekommt so langsam einen silbernen Glanz (so lange noch welches da ist) und die Ansprüche haben sich auch etwas verschoben. War damals noch das primäre Ziel Ankommen und Finishen, so hatte ich dieses Jahr ganz schön dicke Backen gemacht und wollte mir unbedingt einen weiteren Traum erfüllen. Nachdem ich 2010 beim Marathon schon einmal als 3. in der AK aufs Podest durfte und 2018 beim Halbmarathon den 2. Platz in der AK belegte, war das anspruchsvolle Ziel für 2019 ganz klar formuliert. Beim Supermarathon wollte ich unbedingt den Sprung ganz nach oben aufs Podest schaffen, in der AK selbstverständlich.

Um das zu schaffen, war in etwa eine Zeit von 6 Stunden +/- 5 Minuten nötig.

So war jedenfalls der Plan und ich gab alles, dass dieser wieder einmal funktionierte.

Doch bis die schon erwähnte schlaflose Nacht einsetzte, war auf dem Marktplatz zu

Eisenach erst einmal Party angesagt und das eine oder andere Bierchen musste dran glauben. Aber abgesehen von der Party, die Familie war wieder einmal vereint. Die Ultralauf-Familie natürlich! Es war einfach herrlich, den einen oder anderen mal wieder zu treffen, sogar einige Legenden vom Spartathlon waren dabei.

So ging es auch am nächsten Morgen weiter und vor lauter Quatschen habe ich nicht einmal das Rennsteiglied mitbekommen, wenn es denn überhaupt gespielt wurde.

Und ehe ich mich versah, ging es auch schon los. Es wurde kurz der Countdown runter gezählt, der Startschuss ertönte und schon war der Rennsteig Supermarathon in vollem Gange. Das Wetter würde ich mal als perfekt bezeichnen, 8 Grad und Sonne am Start.

Später, dann im Ziel, waren es um die 16 Grad, Sonne und Wolken wechselten sich ab.

Am Ortsrand von Eisenach ging es dann auch gleich den ersten Anstieg hinauf und obwohl ich den ersten Kilometer in unter 5 Minuten bewältigte, waren gefühlt noch Menschenmassen vor mir. Das änderte sich auch nach 7,3 Kilometern nicht, als wir den Rennsteig erreichten. Jetzt eigentlich nur noch dem großen „R“ folgen und fertig. Ja, wären da nicht noch 67 Kilometer dazwischen. Aber nach 48:30 Minuten hatte ich die ersten 10 Kilometer geschafft, alles fühlte sich gut an und spontan kam mir die zweite Strophe vom Rennsteiglied in den Sinn. „Durch Buchen, Fichten, Tannen so schreit ich in den Tag, begegne vielen Freunden, sie sind von meinem Schlag. Ich jodle lustig in das Tal, das Echo bringts zurück. Den Rennsteig gibt’s ja nur einmal und nur ein Wanderglück.“ In meinem Fall war es aber das Läuferglück. Ich war jetzt im Rennen richtig angekommen und ein kleines Zwischenhoch schien sich breit zu machen. Über den Verpflegungspunkt Dreiherrenstein ging es nun den Großen Inselsberg hinauf. Dieser Anstieg war nicht von schlechten Eltern, er konnte sich also sehen lassen. Im Wechsel von Lauf- und straffen Wanderschritten erreichte ich nach 2:05 Stunden den Gipfel und nach gut 25 Kilometern waren auch mehr als die Hälfte der Höhenmeter geschafft. Über den steilen Abstieg wartete bei KM 26,4 der Verpflegungspunkt Grenzwiese. Da ich gerade das Wort „Abstieg“ erwähne, irgendwie musste ich an diesen VP mein Läuferglück verloren haben.

Der letzte Kilometer

War ich vielleicht doch zu schnell unterwegs? Ich konnte zwar noch die Pace halten, aber

mit „Lächeln und Winken“ war nicht mehr viel. Zur Halbzeit an der Ebertswiese war ich mit 3:02 Stunden noch voll auf Kurs. Aber der Gedanke daran, noch einmal 37 Kilometer

in diesem Tempo zu laufen, schien mir unvorstellbar. Irgendwann rief mir mal jemand zu,

dass ich auf Platz 26 liege. Das wäre eigentlich der Startschuss für die Schußoffensive gewesen, denn bei meinen letzten Teilnahmen machte ich da noch ordentlich was gut.

Doch dieses Mal taumelte ich mehr oder weniger dem Grenzadler entgegen.

Als ich diesen bei KM 54 nach 4:28 Stunden erreichte, war die Luft komplett raus und ich verabschiedete mich schon mal gedanklich von meinem anspruchsvollen Ziel.

Nun wartete mit den Großen Beerberg noch ein richtig harter Brocken auf mich. Ich konnte zwar ab und zu mal noch einen Läufer überholen, war aber schon im roten Bereich und meine letzte Hoffnung waren die Wanderer. Meine Freunde, die Wanderer, die mich sonst immer auf den letzten Kilometern gepusht hatten, wo waren sie?

Als ich mich den Großen Beerberg endlich hoch gequält hatte, waren die Wanderer noch immer nicht zu sehen. Dann endlich, auf dem Weg zur Schmücke, überholte ich die ersten Wanderer. Doch der erhoffte Effekt blieb aus. Also musste ich weiter im Schleppschritt voran kommen. Je näher ich mich der Schmücke näherte, umso so mehr Wanderer säumten plötzlich den Weg und die meisten versuchten mich nochmal zu motivieren.

Was sich anfangs als hoffnungslos herausstellte, sollte sich bei KM 65 ändern.

So langsam begann die Farbe aus meinen Augen zu verschwinden und das Weiße trat hervor. Die Härchen an den Armen und im Nacken begannen sich senkrecht zu stellen.

Der schmerzende Körper war plötzlich hart wie Stahl. Das Monster in mir war zum Glück wieder erwacht und je mehr mich die Wanderer anfeuerten je lauter schrie ich zurück.

Noch 9 Kilometer bis zum Ziel und den ersten davon in 4:20 Minuten, den zweiten davon in 3:50 Minuten, beim dritten sah ich nichts mehr. Und plötzlich war ich wieder allein, die Wanderer mussten abbiegen. Aber jetzt war ich im Flow, ich kämpfte bis zum Umfallen und ich kämpfte mich Meter um Meter dem Ziel entgegen. Ich konnte das Tempo halten und 4 Kilometer vorm Ziel hatte ich die Wanderer in noch größerer Menge wieder.

Was dann passierte, werde ich wohl so schnell nicht wieder vergessen. Weit vor mir sah ich vereinzelt noch 3 oder 4 Läufer und ich wusste, auch die werde ich noch überholen.

Und jeder dieser Läufer, den ich noch überholen konnte, spendete mir Applaus und sprach mir seinen Respekt aus. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter und die Augen schwitzten schon lange. Wo zum Teufel gibt es schon so etwas. Nicht etwa bei einen Stadtmarathon,

wo sich jeder selbst der Nächste ist. Nein, solche Geschichten schreibt nur der Ultra, wo sich einer über den anderen freuen kann. Eine Familie eben.

Apropos Familie, meine Familie. Als wenn das alles nicht schon genug gewesen wäre,

folgte einen Kilometer vor dem Ziel der emotionale Supergau. Während mein Sohn und dessen Freundin nach dem Halbmarathon schon seit Stunden im Ziel warteten, waren Frau und Tochter als Wanderer unterwegs, sowie mein Kumpel Max. Ja, und genau auf dem letzten Kilometer traf ich doch tatsächlich noch die Drei. Jetzt gab es kein Halten mehr und als ich dann endlich auf die lange Zielgerade einbog.....

Es fühlte sich wieder einmal an, als würde die Zeit für einen winzigen Augenblick stehen bleiben. Obwohl ich noch unfassbar schnell war, fühlten sich diese letzten 100 Meter wie in Zeitlupe an. Ich atmete kaum, meine Eltern und Freunde nahm ich nur schemenhaft war und alles begann sich zu drehen. Dann folgte der Urknall.

Auf der Zielgerade

Nach 6 Stunden, 2 Minuten und 23 Sekunden war ich im schönsten Ziel der Welt angekommen, in Schmiedefeld. Gleich nach dem Zieleinlauf wusste ich, es war der 16.Platz in der Gesamtwertung. Schon das allein wäre ein Grund für einen Feiermarathon, aber würde das für den Sieg in der AK 45 reichen? Eigentlich war das mir inzwischen total Banane. Ich war mit mir selbst im Reinen, hatte alles gegeben, hatte den Tiefpunkt überwunden, war emotional so überwältigt und nur das zählte. Doch dann konnte ich es doch nicht lassen und musste einen Blick auf die Sofort Urkunde werfen. Es stand doch tatsächlich AK – Platz 1 der M45 drauf.

Und spätestens jetzt stand dem Feiermarathon nichts mehr im Wege.

 

Eins möchte ich an dieser Stelle noch los werden. Ihr seht was alles möglich ist, wenn man immer an sein Ziel glaubt. Wenn man hart trainiert, mal hinfällt, aber immer wieder aufsteht und sein Ziel nie aus den Augen verliert. Es ist nie zu Ende, bist du es fertig hast.

 

Sollte jemals ein Wanderer vom Rennsteiglauf diese Zeilen lesen, ihr seid einfach die Geilsten. Ich war dieser kranke Mensch, der sich selbst so angeschrien hat.

Sorry, und danke für alles.

Der verdiente Lohn

 

Ergebnisse:www.rennsteiglauf.de

 

                                                                                                  Taucha, den 24.05.2019

 

 

 

Malerweg Non Stop

Gipfelstürmertour Part 1

oder

Der Tanz in den mai

Der Malerweg ist der Hauptwanderweg des Elbsandsteingebirges. Seinen Namen erhielt er, weil viele Maler in den vergangenen Jahrhunderten mehr oder weniger romantische

Ansichten der Felsformationen anfertigten. Auf 112 Kilometern schlängelt sich der Malerweg durch die Landschaft. Er beginnt in Pirna – Liebethal, führt rechtselbisch

durch den Nationalpark bis zur tschechischen Grenze und auf der anderen Seite über fünf

Tafelberge zurück nach Pirna. Die wohl traditionsreichste Wanderroute Deutschlands

ist mit stolzen 4000 Höhenmetern angegeben. Es wird empfohlen, sie in 8 Etappen,

abzuwandern. Es geht aber auch anders...

 

Und genau das wollte ich mal ausprobieren, denn mein sächsischer Laufkumpel Marcus

(mit c ) hatte mich auf die Idee gebracht, den kompletten Malerweg mal am Stück zu laufen. Obwohl Pirna nur 90 Autominuten von mir entfernt ist, war ich das letzte Mal

vor 40 Jahren in der Sächsischen Schweiz, mal abgesehen von einer Teilnahme am

Oberelbemarathon. Ich muss zugeben, eigentlich eine Schande, doch ich gelobe

Besserung. So habe ich eine alte Liebe wieder neu entdeckt.

Noch nie wirklich dort gewesen, die Strecke nicht im Kopf und der Rest war auch recht spontan. Also genau die besten Voraussetzungen für ein Abenteuer dieser Größenordnung. Fehlte nur noch der richtige Begleiter an meiner Seite und wer sollte es anderes sein, als mein treuer Weggefährte aus den größten Schlachten.

Richtig, Markus (mit k) ! Wie schon andere legendäre Duos, als da wären Terence Hill & Bud Spencer oder Simon & Garfunkel (bei denen lief es dann nicht mehr so gut) oder Asterix & Obelix oder Tim & Struppi oder Susi & Strolch,so standen nun wieder Jens & Markus oder Markus & Jens Seite an Seite um den Tanz in den Mai zu eröffnen.

Am 30.04.19 um 4:00 Uhr war es dann soweit, das Abenteuer Malerweg konnte beginnen.

Unsere Unterkunft war nur einen Kilometer vom offiziellen Startpunkt entfernt. So konnten wir uns bei sternenklarem Nachthimmel schon mal etwas ein laufen.

Als wir schließlich schön warm waren und fast 2 Kilometer auf dem Malerweg hinter uns hatten, wurden wir in unserem jugendlichen Tatendrang abrupt gestoppt.

Am Richard-Wagner-Denkmal standen wir plötzlich vor einer riesigen Bretterwand mit der Aufschrift „ Weg gesperrt – Steinschlag“. Im Lichtkegel unserer Stirnlampen konnten wir auch keine „Umleitung“ ausmachen. Auf der linken Seite war der Fluss und rechts auch kein Durchkommen. Also beschlossen wir, über die Wand zu klettern, in der Hoffnung, dass uns die Steine verschonen mögen. Zum Glück ist alles gut gegangen und wir konnten unser Abenteuer fortsetzen, das nach 10 Kilometern seinen ersten Höhepunkt erlebte. Wir durchliefen im Morgengrauen das Felsentor im Uttenwalder Grund.

Durch die extreme Feuchtigkeit in der Luft und die unheimliche Stille zu dieser Uhrzeit, wirkte der Uttenwalder Grund fast wie der Urwald aus Jurassic Park. Aber die einzigen

Raptoren, die da rumsprangen, waren wir. Und so jagten wir durch die Stadt Wehlen

hinauf zur Bastei. Mit der Bastei-Brücke hatten wir nach 1:45 Stunden ein weiteres Highlight dieses Weges gemeistert und wir hatten diese Brücke ganz für uns allein.

Kein Vergleich zu dem, was am nächsten Tag hier los war. Danach sprangen wir wie junge

Rehe (noch) die unzähligen Stufen hinunter zum Amselsee. Auch hier herrschte eine gespenstische Atmosphäre und der See ruhte noch ganz still.

auf der Bastei
Felsentor im Uttenwalder Grund
die Basteibrücke
der Amselsee

Vorbei ging es an den Schwedenlöchern und nach 2:30 Stunden konnten wir die Aussicht vom Hockstein genießen und gleich danach die vom Ritterfelsen. Spätestens jetzt war mir klar, was ich eigentlich alles verpasst hatte. So ein geiles Trailrevier und das nicht mal 2 Stunden

von zu Hause weg. Ich war jetzt richtig im Flow und konnte gar nicht genug davon bekommen, daran änderten auch die vielen Stufen nichts, die wir bis hier hin schon bewältigt hatten. In Waitzdorf, das wir nach 3:30 Stunden erreichten, wartete Ricarda, die Freundin von Markus. Jetzt war es an der Zeit, etwas Wasser aufzufüllen, denn mit den Schrammsteinen und den Affensteinen lauerten schon die nächsten Felsen und auch Stufen auf uns. Die Schrammsteine erklommen wir nach 5:20 Stunden und weitere 40 Minuten später hatten wir auch die Affensteine geschafft. Danach hieß es erst einmal Durchhalten bis zum Lichtenhainer Wasserfall bei KM 52. Denn hier hatte ich den ersten großen Verpflegungspunkt geplant, bei dem auch meine Familie wartete. Aber bis dahin waren es noch ein paar Kilometer und so langsam merkte ich, dass Markus schon auf Kampfmodus geschaltet hatte. Eigentlich noch viel zu früh, denn wir waren gerade einmal 6:30 Stunden unterwegs, als wir den Lichtenheiner Wasserfall erreichten.

Manchmal helfen ordentlich Kalorien und man kommt wieder zu neuen Kräften. Jedenfalls ist das bei mir so. Deshalb nahmen wir uns hier etwas mehr Zeit und veranstalteten eine kleine Fressorgie. Danach gab es noch ein Küsschen für die Family und weiter ging es für uns mit den Aufstieg zum Kuhstall und dem Ausblick über das Kirnitzsch Tal.

Felsen ???
VP am Lichtenhainer Wasserfall
Geile Aussicht
Kuhstall

Jetzt hatten auch die letzten Wanderer ausgeschlafen und mir kam es so vor, dass alle

zum Kuhstall wollten. Danach wurde es überschaubarer und wir waren wieder fast allein auf dem Malerweg unterwegs. So erreichten wir nach 9:00 Stunden den Gipfel des zweithöchsten Berges des Elbsandsteingebirges, den Winterberg.

Danach ging es nur noch bergab nach Schmilka zum nächsten Verpflegungspunkt.

Schon am Ortsrand warteten unsere Supporter auf uns und begleiteten uns ein Stück bis zum Parkplatz an der Fähre. Hier wieder das gleiche Bild, Essen und Wasser auffüllen und dann einpaar Minuten bei der Fährüberfahrt sitzen. 70 Kilometer hatten wir jetzt schon weg, waren knapp 10 Stunden auf den Beinen und hatten uns noch nicht verlaufen!!!

Das sollte sich aber gleich nach der Fährüberfahrt ändern, denn auf dieser Seite der Elbe war die Beschilderung nicht mehr ganz so optimal und wir mussten trotz GPS Track einige Kilometer extra in Kauf nehmen. So machten wir uns über den Aschersteig nach Schöna und hier hatten wir schon erste Orientierungsschwierigkeiten. Aber noch nicht der Rede wert, ebenso der Aufstieg zum Wolfsberg. Doch die anschließende Aussicht war wieder einmal phänomenal. Bei Kilometer 82 in Kleinhennersdorf hatte ich unseren vorletzten Verpflegungspunkt geplant. Doch wie das manchmal so ist, läuft nicht alles ganz nach Plan, denn Kleinhennersdorf hatten wir irgendwie gekonnt umlaufen.

Also mussten wir erst einmal zum Telefon greifen und unsere Crew neu koordinieren.

So hieß unser nächstes Zwischenziel Gohrisch. Doch um dort hinzukommen, ging es erst

über den Papststein. Und jetzt ratet mal wie man dort hochkommt? Richtig! Über Stufen!

Da freute sich aber nur einer von uns, denn bei Markus hatten die 12 Stunden sportlicher Aktivität, schon Spuren hinterlassen. Aber einfach kann ja jeder und so viele haben den

Malerweg am Stück noch nicht bezwungen. Also aufstehen, kämpfen und siegen! So erreichten wir nach 88 Kilometern Gohrisch. Zumindest den Ortsrand, denn ins Zentrum

führte der Malerweg nicht. Doch auch hier mussten wir eine kleine Extraschleife in Kauf

nehmen, ehe wir unsere Crew gefunden hatten. Diese wartete natürlich an der richtigen

Stelle, doch wir hatten es mal wieder nicht hinbekommen. Also musste erneut zum Telefon

gegriffen werden und zum Glück wurden wir gefunden ; )

hier mal ein paar Stufen
ganz schön trailig
noch ein paar Stufen - für quer
und wieder Stufen - auch für quer
... und hier auch
immer auf den richtigen Weg

Dann folgte das übliche Prozedere. Essen, essen und nochmal essen. Natürlich auch trinken, denn die Sonne hatte uns zwischenzeitlich ganz schön eingeheizt.

Den nächsten geplanten Verpflegungspunkt hatten wir mit unserer Crew spontan umverlegt, denn geplant war eigentlich Thürmsdorf. Doch das war jetzt zu nah und wir trafen die Entscheidung, uns ein letztes Mal in Weißig, bei KM 106, zu treffen.

Jetzt ging es über den Alten Schulweg nach Pfaffendorf und von dort aus zu den Paffensteinen, die wir durch das sogenannte Nadelöhr erklimmen mussten.

Auch hier hieß es wieder, Ausblick aufsaugen, speichern und weiter über Königstein

zur Festung Königstein, die wir nach 14:45 Stunden erreichten. 99 Kilometer hatten wir jetzt schon gepackt und weitere 3 Kilometer später wäre auch fast das erste Fläschchen

Bier fällig gewesen. Denn beim Feuerwehrfest in Thürmsdorf brannte der Grill ordentlich und der Tanz in den Mai war hier in vollem Gange.

Bei uns übrigens auch, doch der sah etwas anders aus. Wir entschieden uns lieber nicht zu stoppen, denn wer weiß, wo das noch hingeführt hätte. So zog ich mir noch eine Nase voll von diesem Bratwurstgeruch rein und stärkte mich lieber mit Altbewährtem nach 15:30 Stunden in Weißig. Als wir uns das letzte Mal von unserer Crew verabschiedeten, waren es nur noch 13 Kilometer bis Pirna und diese galten als relativ einfach. Doch wenn man nach 16 Stunden noch die Rauensteine erklimmen muss, da ist nichts mehr einfach. Oben angekommen wurden wir tatsächlich mit einem spektakulären Sonnenuntergang belohnt. Jetzt noch ein Bierchen dazu und die Männerromantik wäre perfekt gewesen. Beim Abstieg vom Rauenstein sah ich schon vor meinen geistigen Augen eine wundervolle Pizza, die in Pirna auf mich wartete. Es konnte ja nicht mehr all zu weit sein, denn in Obervogelsang erreichten wir den Elberadweg. Auf diesem sollten es ja nur noch 3 oder 4 einfache Kilometer sein, die wir mit gefletschten Zähnen wegballern wollten. Mit Wegballern meine ich zu diesem Zeitpunkt, einen Schnitt von etwas unter 7 Minuten pro Kilometer. Von Weitem hörte ich schon richtig geile Schlagermucke, ein Zeichen dafür, dass wir schon vor den Toren Pirnas standen. Dann bekamen wir auch die Bestätigung. Auf dem Schild am Radweg stand jetzt „Pirna 1,1 Kilometer“.

...und wieder Stufen
...und wieder oben
es wurde warm
langsam geht der Tag zu Ende

Doch die Freude währte nur kurz, denn die Malerweg Beschilderung zeigte noch einmal nach links und wieder eine kleine Erhebung hinauf. Auf dem sogenannten Canalettoweg ging es nun parallel und oberhalb vom Radweg durch den Wald Richtung Marktplatz. Jetzt konnte ich meine Pizza schon riechen, denn es waren nur noch einpaar Stufen abwärts zu bewältigen, einige Kurven zu meistern und dann war es fast wie immer. Hand in Hand tanzten wir den Mai und dem Marktplatz entgegen. Doch ganz so geschmeidig muss es nicht mehr ausgesehen haben und an einen lockeren Disco Fox war nicht mehr zu denken. Es hatte eher etwas von Tanz der Teufel, als wir wie zwei Untote nach 18 Stunden und 8 Minuten am Canalettohaus, dem Endpunkt des Malerwegs, anschlugen. Am Ende zeigte meine Uhr eine Gesamtstrecke von 119 Kilometern, und dass man außerhalb der Alpen auf 4227 Höhenmeter kommt, hätte ich auch nicht gedacht.

Wir hatten es also mal wieder geschafft, waren mal wieder in den Grenzbereich vorgedrungen, mal wieder das Ego gestreichelt, mal wieder den ganzen Tag an der frischen Luft verbracht, mal wieder eine der schönsten Strecken Deutschlands bezwungen, mal wieder.., mal wieder... So könnte ich noch weitere Seiten füllen, doch ohne die Unterstützung unserer fantastischen Crew wäre dieser einmalige Lauf nur schwer möglich gewesen. Vielen, vielen Dank, dass ihr Stunden im Auto verbracht habt. Vielen Dank, dass ihr unsere Launen ertragen musstet und vielen Dank, dass am Ende die Pizza noch warm war.

Ein besonderer Dank dem Tourismusverband Sächsische Schweiz für diese hammergeile Strecke. Es war mir eine Ehre hier laufen zu dürfen und ich warte garantiert nicht nochmal 40 Jahre, um wieder zu kommen.

Im Ziel, am Canalettohaus

 

                                                                                                  Taucha, den 08.05.2019

 

 

 

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